Sie zierte Millionen von Haushalten in der DDR, schützte Kleider bei der Hausarbeit und wurde zur kulturellen Ikone: die Kittelschürze aus Dederon. Dieses praktische Kleidungsstück aus der synthetischen Kunstfaser verkörpert wie kaum ein anderes die Verbindung von Alltag, Textiltechnik und ostdeutscher Erinnerungskultur. Heute erlebt die charakteristische Schürze eine Renaissance als Sammlerobjekt und Symbol einer vergangenen Epoche.
Die Tuchfabrik Gebrüder Pfau in Crimmitschau widmete dem legendären Kleidungsstück jüngst einen eigenen Aktionstag. Besucher wurden aufgerufen, in historischer Kittelschürze zu erscheinen – und viele folgten dem Aufruf mit Begeisterung. Das Museum gilt als die am besten erhaltene Textilfabrik Europas mit originalen Maschinen aus den Jahren 1894 bis in die 1970er-Jahre. Es bietet damit einen authentischen Einblick in die Textilproduktion mehrerer Epochen.
Von Amerika in die DDR-Haushalte
Was heute untrennbar mit der DDR verbunden ist, hat seine Wurzeln tatsächlich in der US-amerikanischen Modeindustrie der 1950er-Jahre. Die Kittelschürze wurde ursprünglich als modisches Accessoire für die amerikanische Hausfrau entwickelt und in zahlreichen Farben sowie Mustern angeboten. Erst später fand sie ihren Weg in die ostdeutsche Produktion und wurde dort zum Massenprodukt.
In der DDR erfüllte die Kittelschürze eine vorrangig praktische Funktion: Sie schützte die darunter getragene Kleidung bei der Hausarbeit, beim Kochen und Putzen. Da hochwertige Stoffe knapp und teuer waren, verlängerte die robuste Schürze die Lebensdauer der übrigen Garderobe erheblich. Gleichzeitig war sie pflegeleicht, schnell trocknend und in großen Stückzahlen verfügbar – Eigenschaften, die in der Planwirtschaft besonders geschätzt wurden.
Dederon als textile Innovation des Ostens
Das Material machte den Unterschied: Dederon war die in der DDR entwickelte Variante von Nylon, benannt nach der Stadt Deggendorf in Bayern, wo zunächst die westdeutsche Produktion stattfand, bevor die DDR eine eigene Herstellung aufbaute. Die Chemiefaser wurde ab den späten 1950er-Jahren zu einem Markenzeichen ostdeutscher Textilproduktion.
Dederon zeichnete sich durch mehrere Eigenschaften aus:
- Hohe Reißfestigkeit und Langlebigkeit
- Schnelle Trocknung ohne Bügelbedarf
- Farbbeständigkeit auch nach häufigem Waschen
- Kostengünstige Massenproduktion
- Knitterarmut im Vergleich zu Baumwolle
Die Kittelschürze wurde zum beliebtesten Anwendungsfall dieser Kunstfaser. Während in Westdeutschland synthetische Fasern zunehmend in modische Kleidung einflossen, blieb Dederon in der DDR vor allem mit praktischen Alltagsgegenständen verbunden – neben der Kittelschürze etwa mit Einkaufsnetzen und Strümpfen.
Arbeit und Alltag im Textilbetrieb
Interessanterweise wurde die Kittelschürze nicht nur in Privathaushalten getragen. Gerade in den Textilfabriken selbst war sie das bevorzugte Arbeitskleidungsstück der Näherinnen und Fabrikarbeiterinnen. In der Tuchfabrik Gebrüder Pfau, die heute als Museum fungiert, gehörte die praktische Schürze zur Standardausstattung der Belegschaft.
Die Kittelschürze vereinte Funktionalität mit einem gewissen ästhetischen Anspruch – sie war mehr als nur Arbeitskleidung, sie gehörte zum Lebensgefühl einer ganzen Generation.
Die Fabrik selbst produzierte zwar nicht das Dederon-Material für die Kittelschürzen, stellte aber andere textile Erzeugnisse her. Dennoch zeigt die Verbindung zwischen Produktionsort und getragener Kleidung, wie tief die Kittelschürze in der Arbeitswelt der DDR verankert war. Sie symbolisierte den Stolz auf die eigene Textilproduktion und die Wertschätzung langlebiger, praktischer Kleidung.
Kulturelle Bedeutung und Sammlerwert
Nach der Wiedervereinigung verschwand die Kittelschürze zunächst weitgehend aus dem Alltag. Westliche Modeströmungen und veränderte Lebensgewohnheiten ließen das praktische Kleidungsstück altmodisch erscheinen. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten ist ein bemerkenswerter Wandel zu beobachten: Die DDR-Kittelschürze wird zunehmend zum Sammlerstück und Symbol ostdeutscher Alltagskultur.
Museen wie die Tuchfabrik Gebrüder Pfau bewahren nicht nur die Produktionsgeschichte, sondern auch die kulturelle Erinnerung. Veranstaltungen wie der Kittelschürzentag schaffen Raum für persönliche Geschichten und Erinnerungen. Besucherinnen bringen ihre eigenen Schürzen mit – oft Erbstücke von Müttern oder Großmüttern – und tauschen sich über die Bedeutung dieses scheinbar simplen Kleidungsstücks aus.
Zwischen Nostalgie und historischer Reflexion
Die Renaissance der Kittelschürze wirft auch Fragen nach dem Umgang mit DDR-Geschichte auf. Für die einen ist sie ein nostalgisches Symbol einer vermeintlich einfacheren Zeit, für andere ein Zeugnis von Mangelwirtschaft und eingeschränkten Konsummöglichkeiten. Beide Perspektiven haben ihre Berechtigung und zeigen die Komplexität ostdeutscher Erinnerungskultur.
Textilhistoriker betonen, dass die Kittelschürze ein hervorragendes Beispiel für Alltagsgeschichte darstellt. Sie erzählt von technischem Fortschritt in der Chemiefaserindustrie ebenso wie von Geschlechterrollen, häuslicher Arbeit und den Realitäten der Planwirtschaft. Die farbenfrohen Muster und Designs – von Blumendrucken bis zu geometrischen Formen – spiegeln zudem ästhetische Vorlieben ihrer Zeit wider.
Bewahrung textiler Industriekultur
Die Tuchfabrik Gebrüder Pfau leistet wichtige Arbeit zur Erhaltung textiler Industriegeschichte. Mit ihren vollständig erhaltenen Produktionsanlagen aus verschiedenen Epochen ermöglicht sie ein einzigartiges Verständnis für die Entwicklung der Textilindustrie. Von mechanischen Webstühlen des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zu den elektrifizierten Anlagen der Nachkriegszeit dokumentiert das Museum technologischen Wandel.
Die Integration der Kittelschürze in diese Erzählung ist konsequent: Sie verbindet Produktionstechnik mit Alltagskultur und macht Geschichte greifbar. Besucher können nachvollziehen, wie aus Chemiefasern textile Produkte entstanden, die Millionen Menschen täglich nutzten. Diese Verbindung von Industrie- und Sozialgeschichte macht das Museum zu einem wichtigen Erinnerungsort.
Heute finden sich historische Kittelschürzen nicht nur in Museen, sondern auch auf Flohmärkten und in Online-Auktionen. Sammler schätzen besonders gut erhaltene Exemplare mit typischen DDR-Mustern. Manche tragen sie bei Retro-Veranstaltungen, andere bewahren sie als Teil der Familiengeschichte. Die Kittelschürze ist damit zum materiellen Träger von Erinnerung geworden – ein textiles Dokument deutscher Nachkriegsgeschichte.
