Merit-Order-Prinzip: Deshalb bestimmen Gaskraftwerke unsere Strompreise

Merit-Order-Prinzip: Deshalb bestimmen Gaskraftwerke unsere Strompreise

Der deutsche Strommarkt folgt Regeln, die für viele Verbraucher auf den ersten Blick wenig nachvollziehbar erscheinen. Obwohl Windräder und Solaranlagen mittlerweile mehr als die Hälfte des Stroms erzeugen, bleiben die Preise an der Steckdose vergleichsweise hoch. Der Grund liegt in einem Mechanismus, der seit Jahrzehnten die europäischen Strombörsen steuert: dem Merit-Order-Prinzip. Dieses Verfahren sorgt dafür, dass nicht die durchschnittlichen Produktionskosten den Tarif bestimmen, sondern die Kosten jenes Kraftwerks, das gerade noch benötigt wird, um den Bedarf zu decken.

Wie funktioniert die Merit Order an der Strombörse?

An der Strombörse treffen Angebot und Nachfrage aufeinander. Kraftwerksbetreiber bieten ihre Kapazitäten an, geordnet nach ihren variablen Erzeugungskosten. Diese Sortierung erfolgt aufsteigend: Anlagen mit niedrigen Betriebskosten – etwa Windparks oder Photovoltaik – stehen am Anfang der Rangliste. Ihre Grenzkosten liegen nahe null, da Wind und Sonne kostenlos zur Verfügung stehen. Danach folgen Atomkraftwerke, Braunkohlekraftwerke und schließlich Steinkohle. Am Ende der Reihe stehen Gaskraftwerke, deren Brennstoffkosten deutlich höher ausfallen.

Der Börsenstrompreis wird durch das letzte Kraftwerk festgelegt, das noch zum Zuge kommt, um die Gesamtnachfrage zu befriedigen. Dieses sogenannte Grenzkraftwerk setzt den einheitlichen Marktpreis für alle Erzeuger in dieser Stunde. Selbst wenn erneuerbare Energien den Großteil des Stroms liefern, genügt ein einzelnes Gaskraftwerk am Ende der Merit Order, um den Preis für sämtliche Kilowattstunden zu bestimmen.

Warum zahlen alle Erzeuger denselben Preis?

Das Prinzip des einheitlichen Marktpreises hat wirtschaftliche Gründe. Es soll sicherstellen, dass alle verfügbaren Kraftwerke ihre Kosten decken können und gleichzeitig Anreize für Investitionen in effizientere Technologien bestehen. Jeder Anbieter erhält den Preis, den das teuerste noch benötigte Kraftwerk vorgibt – unabhängig davon, wie günstig seine eigene Produktion ist.

Das Merit-Order-Prinzip führt dazu, dass Windkraftanlagen mit minimalen Betriebskosten dieselbe Vergütung erhalten wie Gaskraftwerke mit hohen Brennstoffkosten – ein Mechanismus, der in Krisenzeiten die Strompreise stark nach oben treibt.

Diese Konstruktion hat zur Folge, dass Betreiber von Wind- und Solaranlagen erhebliche Gewinnspannen erzielen können, wenn fossile Kraftwerke den Preis setzen. Gleichzeitig bedeutet das für Verbraucher: Sobald Gas- oder Kohlekraftwerke zur Deckung der Nachfrage nötig sind, steigen die Kosten für alle – auch für jene Kilowattstunden, die aus erneuerbaren Quellen stammen.

Welche Rolle spielen Gaskraftwerke im deutschen Strommix?

Gaskraftwerke übernehmen in Deutschland eine doppelte Funktion. Zum einen dienen sie als flexible Regelkraftwerke, die bei Schwankungen im Netz schnell hoch- oder heruntergefahren werden können. Zum anderen springen sie ein, wenn Wind- und Solarstrom nicht ausreichen – etwa in den Abendstunden oder bei Flaute. Ihr Anteil an der Stromerzeugung schwankt je nach Wetterlage und Tageszeit erheblich.

In Zeiten hoher Nachfrage oder geringer Verfügbarkeit erneuerbarer Energien werden Gaskraftwerke häufig zum preissetzenden Kraftwerk. Da die Brennstoffkosten für Erdgas volatil sind und von internationalen Märkten abhängen, schlagen sich Preisanstiege unmittelbar auf den Börsenstrompreis nieder. Besonders deutlich wurde das in den Jahren 2022 und 2023, als die Gaspreise infolge geopolitischer Spannungen in die Höhe schossen.

Typische Merit-Order-Sortierung (vereinfacht)

Kraftwerkstyp Variable Kosten Position in der Merit Order
Wind- und Solaranlagen ~0 Euro/MWh 1
Laufwasserkraftwerke sehr niedrig 2
Braunkohlekraftwerke mittel 3
Steinkohlekraftwerke mittel-hoch 4
Gaskraftwerke hoch (variabel) 5

Was bedeutet das für die Strompreise der Verbraucher?

Der Börsenstrompreis bildet die Grundlage für die Beschaffungskosten der Energieversorger. Diese Kosten machen etwa ein Drittel bis die Hälfte des Endpreises aus, den Haushalte und Unternehmen zahlen. Hinzu kommen Netzentgelte, staatliche Umlagen und Steuern. Wenn also Gaskraftwerke häufig den Marktpreis setzen, verteuert sich der Strom für alle – auch für jene Kunden, deren Lieferant hauptsächlich erneuerbare Energien einkauft.

Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wirkt sich somit direkt auf die Haushaltskasse aus. Schwankungen auf den internationalen Rohstoffmärkten – etwa durch Förderkürzungen, Lieferengpässe oder politische Krisen – schlagen unmittelbar auf die Stromrechnung durch. Der Ausbau erneuerbarer Kapazitäten kann diesen Effekt dämpfen, jedoch nur, wenn gleichzeitig Speichertechnologien und flexible Verbrauchsstrukturen geschaffen werden.

Welche Alternativen zur Merit Order werden diskutiert?

Die Debatte über Reformansätze ist in vollem Gange. Einige Vorschläge zielen darauf ab, den Preis für erneuerbare Energien vom fossilen Preis zu entkoppeln. Denkbar wären etwa differenzierte Tarife, bei denen grüner Strom zu günstigeren Konditionen angeboten wird. Andere Konzepte setzen auf langfristige Verträge (sogenannte Power Purchase Agreements), die Planungssicherheit für Erzeuger und Abnehmer schaffen und die Volatilität der Börsenpreise umgehen.

Ein weiterer Ansatz ist die Einführung von Kapazitätsmärkten, die nicht nur die kurzfristige Stromerzeugung vergüten, sondern auch die Bereitstellung gesicherter Leistung. Solche Mechanismen könnten Investitionen in Speicher, flexible Lasten und Reservekraftwerke fördern. Kritiker warnen jedoch vor zusätzlichen Kosten und Komplexität.

  • Entkopplung erneuerbarer Preise vom fossilen Marktpreis
  • Langfristige Lieferverträge außerhalb der Börse
  • Einführung von Kapazitätsmärkten zur Absicherung der Versorgung
  • Ausbau von Batteriespeichern und Wasserstofftechnologien
  • Flexibilisierung der Nachfrage durch intelligente Netze

Wie kann der Ausbau erneuerbarer Energien die Preise senken?

Je größer der Anteil von Wind- und Solarstrom im Netz, desto seltener müssen teure Gaskraftwerke einspringen. In sonnen- und windreichen Stunden kann der Börsenstrompreis bereits heute auf null oder sogar in den negativen Bereich fallen – ein Zeichen dafür, dass das Angebot die Nachfrage übersteigt. Doch solche Phasen sind zeitlich begrenzt. Ohne ausreichende Speicherkapazitäten verpufft der Effekt, sobald die Sonne untergeht oder der Wind nachlässt.

Der Schlüssel liegt daher in einem integrierten Systemansatz: schnellerer Zubau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen, Ausbau von Stromspeichern, intelligente Nachfragesteuerung und der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur für Zeiten hoher Residuallast. Nur wenn alle Elemente zusammenspielen, lässt sich die Abhängigkeit von fossilen Kraftwerken nachhaltig verringern.

Diese Informationen dienen der allgemeinen Orientierung und ersetzen keine professionelle Beratung zu individuellen Energieverträgen oder Investitionsentscheidungen.

Häufig gestellte Fragen

Warum sinken die Strompreise nicht, obwohl erneuerbare Energien günstiger sind?

Das Merit-Order-Prinzip sorgt dafür, dass der Preis durch das teuerste noch benötigte Kraftwerk bestimmt wird. Selbst wenn Wind und Sonne den Großteil des Stroms liefern, setzt ein einziges Gaskraftwerk am Ende der Reihe den einheitlichen Marktpreis für alle Erzeuger.

Wie oft bestimmen Gaskraftwerke den Börsenstrompreis in Deutschland?

Die Häufigkeit schwankt je nach Wetterlage, Tageszeit und Jahreszeit. In windarmen Abendstunden oder bei hoher Nachfrage übernehmen Gaskraftwerke häufig die preissetzende Rolle. In sonnenreichen Mittagsstunden können hingegen erneuerbare Energien ausreichen, sodass der Preis deutlich niedriger ausfällt.

Welche Rolle spielen Energiespeicher für die Strompreise?

Speicher können überschüssigen Wind- und Solarstrom aufnehmen und zu Zeiten geringer Erzeugung wieder abgeben. Dadurch verringert sich die Notwendigkeit, teure Gaskraftwerke einzusetzen. Ein massiver Ausbau von Batteriespeichern und Wasserstofftechnologien könnte die Preisvolatilität dämpfen.

Gibt es Länder, die das Merit-Order-Prinzip reformiert haben?

Einige europäische Staaten diskutieren Anpassungen, etwa durch staatlich garantierte Preise für erneuerbare Energien oder langfristige Abnahmeverträge. Bislang gilt die Merit Order jedoch europaweit als Standardmechanismus, da sie Markttransparenz und Wettbewerb fördern soll.

Wie wirken sich geopolitische Krisen auf die Merit Order aus?

Steigen die Gaspreise durch internationale Konflikte oder Lieferengpässe, verteuern sich die Betriebskosten von Gaskraftwerken. Da diese häufig das preissetzende Kraftwerk sind, steigt der Börsenstrompreis für alle – ein direkter Durchschlag auf die Verbraucherpreise ist die Folge.

Felix Wagner

Geschrieben von Redakteur Wissenschaft & Natur

Felix Wagner

Felix stieß 2016 zur Redaktion von Initium Baden. Schwerpunkte: Wissenschaft, Natur und Umwelt, stets mit Verweis auf Primärquellen.

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