Bluthochdruck betrifft in Deutschland rund 20 Millionen Menschen – viele davon wissen nichts von ihrer Erkrankung. Die Suche nach wirksamen, natürlichen Strategien zur Blutdrucksenkung ist daher ein Dauerthema in der Forschung. Nun haben Wissenschaftler vom King's College London eine ungewöhnliche Kombination untersucht: Rote-Bete-Saft gefolgt von Kaugummikauen. Die Ergebnisse zeigen einen messbaren Effekt – allerdings mit einem Haken, der die Alltagstauglichkeit deutlich einschränkt.
Warum Rote Bete im Fokus der Blutdruckforschung steht
Rote Bete enthält hohe Mengen an Nitrat, einer Stickstoffverbindung, die im Körper zu Nitrit und schließlich zu Stickstoffmonoxid (NO) umgewandelt wird. Stickstoffmonoxid ist ein körpereigenes Signalmolekül, das die Blutgefäße erweitert und dadurch den Blutdruck senkt. Dieser Mechanismus ist seit Jahren bekannt und wurde in zahlreichen Studien dokumentiert.
Die Umwandlung von Nitrat zu Nitrit geschieht vor allem im Mund – durch Bakterien auf der Zunge. Ohne diese bakterielle Aktivität verpufft ein Großteil des blutdrucksenkenden Potenzials. Genau hier setzt der Ansatz der britischen Forscher an: Sie wollten herausfinden, ob die mechanische Stimulation durch Kaugummikauen die Nitrit-Produktion verstärken kann.
Der ungewöhnliche Versuchsaufbau
Die Londoner Studie umfasste gesunde Probanden, die 70 Milliliter konzentrierten Rote-Bete-Saft tranken – eine Menge, die etwa einem kleinen Schnapsglas entspricht. Anschließend kauten einige Teilnehmer für eine definierte Zeit Kaugummi, andere nicht. Die Forscher maßen sowohl die Nitrit-Konzentration im Speichel als auch den Blutdruck in regelmäßigen Abständen.
Das Ergebnis: Diejenigen, die nach dem Saft Kaugummi kauten, zeigten eine deutlich stärkere Nitrit-Bildung im Mund und in der Folge einen stärker ausgeprägten Blutdruckabfall. Die Kaubewegung scheint also tatsächlich die bakterielle Umwandlung anzukurbeln – vermutlich durch verstärkten Speichelfluss und bessere Durchmischung der Mundflora.
Warum der Trick praktisch kaum durchzuhalten ist
So vielversprechend die biochemischen Daten klingen, so ernüchternd ist die praktische Umsetzung. Rote-Bete-Saft schmeckt erdig, leicht bitter und für viele Menschen wenig angenehm. Bereits 70 Milliliter täglich zu trinken, erfordert Überwindung. Hinzu kommt der charakteristische, stark färbende Effekt: Zähne, Zunge und mitunter auch Zahnfleisch nehmen eine tiefrote bis violette Färbung an, die sich nicht sofort wieder entfernen lässt.
Kaugummi unmittelbar nach dem Saft zu kauen, verstärkt diese unangenehmen Begleiterscheinungen. Der Geschmack wird intensiviert, die Farbstoffe verteilen sich im gesamten Mundraum. Für Menschen, die täglich mehrfach eine solche Prozedur durchführen müssten, stellt das eine erhebliche Hürde dar. Die Forscher selbst räumen ein, dass die Compliance – also die Bereitschaft, die Maßnahme langfristig beizubehalten – gering sein dürfte.
Alternative Nitratquellen und praktische Ansätze
Wer dennoch vom Nitrat-Effekt profitieren möchte, kann auf andere Strategien setzen:
- Spinat, Rucola und andere Blattgemüse enthalten ebenfalls viel Nitrat und lassen sich vielseitiger in den Speiseplan integrieren.
- Fermentierte Rote-Bete-Produkte wie Kwas bieten eine geschmackliche Alternative zum rohen Saft.
- Regelmäßige Mundhygiene ohne antibakterielle Mundspülungen erhält die Nitrat-reduzierenden Bakterien.
- Kombinationen mit Vitamin-C-reichen Lebensmitteln können die NO-Bildung unterstützen.
Wichtig ist, dass diese Maßnahmen eine medikamentöse Therapie bei diagnostiziertem Bluthochdruck nicht ersetzen können. Sie können allenfalls begleitend wirken oder im Rahmen der Prävention einen Beitrag leisten.
Was die Forschung über Nitrat und Herz-Kreislauf-Gesundheit weiß
Die positive Wirkung von Nitrat auf das Herz-Kreislauf-System ist mittlerweile gut dokumentiert. Mehrere Metaanalysen zeigen, dass nitratreiche Ernährung den systolischen Blutdruck um 3 bis 5 mmHg senken kann – ein Effekt, der bei leichter Hypertonie durchaus relevant ist. Darüber hinaus verbessert Stickstoffmonoxid die Endothelfunktion, also die Elastizität der Blutgefäße, und kann die sportliche Leistungsfähigkeit steigern.
Stickstoffmonoxid ist ein Schlüsselmolekül für die Gefäßgesundheit. Seine Produktion hängt maßgeblich von der oralen Mikrobiota ab – ein Grund, warum aggressive Mundspülungen langfristig problematisch sein können.
Gleichzeitig gibt es Bedenken hinsichtlich der Nitrosamin-Bildung, die bei hoher Nitrataufnahme unter bestimmten Bedingungen entstehen kann. Die aktuellen Daten deuten jedoch darauf hin, dass der Konsum von Gemüse-Nitrat gesundheitlich unbedenklich ist, solange er im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung erfolgt.
Fazit: Wissenschaftlich interessant, alltagspraktisch schwierig
Die Londoner Studie liefert einen weiteren Beleg dafür, dass Nitrat aus pflanzlichen Quellen einen messbaren Einfluss auf den Blutdruck hat. Die Kombination aus Rote-Bete-Saft und Kaugummikauen verstärkt diesen Effekt – doch die praktische Umsetzung scheitert an Geschmack, Färbung und mangelnder Akzeptanz im Alltag. Wer seinen Blutdruck auf natürliche Weise unterstützen möchte, findet in einer nitratreichen, pflanzenbetonten Ernährung einen nachhaltigeren Weg. Dazu gehören regelmäßige Bewegung, Stressmanagement und eine bewusste Lebensführung.
Diese Informationen ersetzen keine professionelle medizinische Beratung. Bei Bluthochdruck ist eine ärztliche Diagnose und Therapie unerlässlich.
