Organspenden in Bremen: Wie viele es gibt – und wie sie ablaufen

Organspenden in Bremen: Wie viele es gibt – und wie sie ablaufen

Die Organspende zählt zu den komplexesten Bereichen der modernen Medizin. In Bremen warteten Anfang 2026 mehr als 100 Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan, während im vergangenen Jahr lediglich zwölf postmortale Spenden realisiert werden konnten. Diese Diskrepanz zwischen Bedarf und Verfügbarkeit macht deutlich, vor welchen Herausforderungen das deutsche Transplantationssystem steht.

Organspenden setzen einen komplexen medizinischen, organisatorischen und rechtlichen Prozess voraus. Von der Feststellung des Hirntods über die Organentnahme bis zur Transplantation beim Empfänger vergehen oft nur wenige Stunden – eine logistische Meisterleistung, an der zahlreiche Institutionen beteiligt sind. Die Hansestadt Bremen verfügt dabei über spezifische Strukturen, die sowohl Chancen als auch Limitierungen mit sich bringen.

Aktuelle Spenderzahlen in Bremen und regionale Einordnung

Im Jahr 2025 spendeten in Bremen zwölf Verstorbene nach ihrem Tod Organe – ein deutlicher Anstieg gegenüber acht Spenden im Vorjahr. Diese Entwicklung entspricht einem bundesweiten Trend: Deutschland verzeichnete 2025 insgesamt 985 postmortale Organspenden, den höchsten Wert seit über einem Jahrzehnt. Dennoch warteten zeitgleich bundesweit rund 8.200 Patientinnen und Patienten auf eine Transplantation, mehr als drei Viertel davon auf eine Niere.

In Niedersachsen stieg die Spenderzahl von 72 auf 80 Organspender. Die positive Entwicklung in beiden Bundesländern lässt sich auf verbesserte Strukturen in den Entnahmekliniken sowie auf verstärkte Aufklärungsarbeit zurückführen. Dennoch bleibt die Versorgungslücke erheblich: Statistisch gesehen kommen auf jeden postmortalen Organspender mehr als acht wartende Empfänger.

Die regionalen Unterschiede in der Spendenbereitschaft sind beträchtlich. Während Spanien mit über 40 Spendern pro Million Einwohner europaweit führend ist, liegt Deutschland bei etwa elf Spendern pro Million. Bremen bewegt sich mit seinen Zahlen im bundesdeutschen Durchschnitt, kämpft aber wie alle Bundesländer mit strukturellen Hemmnissen im System.

Infrastruktur für Entnahme und Transplantation

Die Infrastruktur für Organspenden in Bremen ist zweigeteilt: Während mehrere Kliniken als Entnahmekrankenhäuser fungieren, existiert nur ein einziges Transplantationszentrum. Zu den Entnahmekliniken zählen:

  • Klinikum Bremen-Mitte, -Nord, -Ost und Links der Weser
  • Rotes-Kreuz-Krankenhaus
  • St. Joseph-Stift
  • Diako

In Bremerhaven sind das Klinikum Reinkenheide und die Ameos-Klinik für Organentnahmen zugelassen. Diese Einrichtungen müssen strikte medizinische und rechtliche Vorgaben erfüllen, um als Entnahmekrankenhäuser anerkannt zu werden. Dazu gehören qualifiziertes Personal, entsprechende Intensivkapazitäten und die Einhaltung der Richtlinien der Bundesärztekammer.

Das Klinikum Bremen-Mitte ist das einzige Transplantationszentrum in Bremen und auf Nierentransplantationen spezialisiert. Deutschlandweit gibt es 43 solcher Zentren, viele davon auf bestimmte Organe fokussiert. In Niedersachsen existieren zwei Transplantationszentren: Hannover mit einem breiten Spektrum (Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse, Niere) und Göttingen mit Spezialisierung auf Herz und Niere.

Die Trennung zwischen Entnahme und Transplantation ist bewusst gewählt: Sie verhindert Interessenkonflikte und stellt sicher, dass die Versorgung des Spenders unabhängig von der Transplantationsmedizin erfolgt.

Der Weg vom Spender zum Empfänger

Der Ablauf einer Organspende folgt einem streng geregelten Protokoll. Zunächst muss der Hirntod durch zwei unabhängige Ärzte festgestellt werden, die nicht an der Transplantation beteiligt sein dürfen. Diese irreversible Schädigung des gesamten Gehirns ist die rechtliche Voraussetzung für eine postmortale Organentnahme in Deutschland.

Nach der Hirntod-Feststellung prüft die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) die Spendenbereitschaft des Verstorbenen. Diese kann durch einen Organspendeausweis, eine Patientenverfügung oder die Zustimmung der Angehörigen dokumentiert sein. Liegt keine Willensäußerung vor, entscheiden die nächsten Angehörigen im mutmaßlichen Sinne des Verstorbenen.

Die DSO koordiniert anschließend den gesamten Prozess: medizinische Untersuchungen des Spenders, Kontaktaufnahme mit der Vermittlungsstelle Eurotransplant und Organisation der Entnahme. Eurotransplant führt die europaweite Warteliste und vermittelt Organe nach festgelegten Kriterien wie medizinischer Dringlichkeit, Gewebekompatibilität und Wartezeit.

Sobald ein passendes Empfängerorgan gefunden ist, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Organe sind unterschiedlich lange haltbar: Eine Niere kann bis zu 24 Stunden konserviert werden, ein Herz nur vier bis sechs Stunden. Spezialisierte Transportdienste bringen die Organe in Kühlboxen zum Transplantationszentrum, wo das Empfängerteam bereits vorbereitet wartet.

Besonderheiten der Lebendspende

Neben postmortalen Spenden spielen Lebendspenden eine wichtige Rolle, insbesondere bei Nieren. Ein gesunder Mensch kann mit einer Niere ein normales Leben führen, sodass Angehörige oder nahestehende Personen einem Erkrankten eine Niere spenden können. In Deutschland sind Lebendspenden nur zwischen Verwandten ersten oder zweiten Grades sowie zwischen Personen mit einer engen persönlichen Beziehung erlaubt.

Die Lebendspende bietet mehrere Vorteile: Sie ist planbar, die Wartezeit entfällt, und die Erfolgschancen sind aufgrund der optimalen zeitlichen Koordination oft höher. Im Klinikum Bremen-Mitte werden sowohl die Entnahme beim Spender als auch die Implantation beim Empfänger durchgeführt. Vor jeder Lebendspende muss eine unabhängige Ethikkommission die Freiwilligkeit und Aufklärung prüfen.

Dennoch birgt die Lebendspende auch Risiken für den Spender. Wie bei jeder Operation können Komplikationen auftreten, und der Verlust einer Niere bedeutet eine lebenslange Einschränkung der Organreserve. Umfassende medizinische und psychologische Voruntersuchungen sollen sicherstellen, dass der Spender die Risiken versteht und seine Entscheidung ohne äußeren Druck trifft.

Rechtliche und ethische Rahmenbedingungen

Das deutsche Transplantationsgesetz regelt alle Aspekte der Organspende. Zentral ist die erweiterte Zustimmungslösung: Eine Organentnahme ist nur zulässig, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten zugestimmt hat oder die Angehörigen stellvertretend zustimmen. Im Gegensatz dazu gilt in einigen europäischen Ländern die Widerspruchslösung, bei der jeder potenzielle Spender ist, sofern er nicht ausdrücklich widersprochen hat.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation ist als bundesweite Koordinierungsstelle gesetzlich beauftragt, die Zusammenarbeit zwischen Entnahmekliniken, Transplantationszentren und Vermittlungsstellen zu organisieren. Sie finanziert sich durch Entgelte, die von den Krankenkassen getragen werden.

Ethisch ist die Organspende ein Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung, Solidarität und dem Schutz der Menschenwürde. Der Hirntod als Todeskriterium wird wissenschaftlich akzeptiert, stößt aber bei manchen Menschen auf Vorbehalte. Transparenz, strenge Kontrollen und die klare Trennung zwischen Intensivmedizin und Transplantationschirurgie sollen Vertrauen schaffen.

Herausforderungen und Perspektiven

Trotz steigender Spenderzahlen bleibt die Versorgungslücke in Bremen und bundesweit groß. Mehrere Faktoren tragen dazu bei: Viele Menschen setzen sich nicht mit dem Thema auseinander und besitzen keinen Organspendeausweis. In Kliniken fehlt oft die Zeit, um Angehörige angemessen zu beraten. Zudem kommen nicht alle Hirntoten als Spender infrage, etwa wegen Vorerkrankungen oder Infektionen.

Strukturelle Verbesserungen sind auf dem Weg: Seit 2019 erhalten Entnahmekliniken eine bessere Vergütung für den Aufwand rund um Organspenden. Transplantationsbeauftragte in Kliniken sollen die Abläufe koordinieren und das Bewusstsein für das Thema stärken. Das Online-Organspenderegister, das seit 2022 aufgebaut wird, soll die Dokumentation der Spendenbereitschaft erleichtern.

Langfristig könnten technologische Fortschritte die Situation verändern. Maschinelle Perfusionssysteme halten Organe länger funktionsfähig, was den Transportradius erweitert. Forschung an Xenotransplantationen (tierische Organe) und Bioengineering von Geweben steckt noch in frühen Phasen, könnte aber perspektivisch Alternativen bieten.

Die Informationen in diesem Artikel ersetzen keine individuelle medizinische oder rechtliche Beratung. Bei Fragen zur eigenen Spendenbereitschaft oder zu Transplantationen sollten Sie sich an qualifizierte Fachleute wenden.

Häufig gestellte Fragen

Wie kann ich in Bremen meine Spendenbereitschaft dokumentieren?

Sie können einen Organspendeausweis ausfüllen und bei sich tragen. Alternativ können Sie Ihre Entscheidung im Online-Organspenderegister hinterlegen oder in einer Patientenverfügung festhalten. Auch ein formloses Schriftstück mit Datum und Unterschrift ist rechtlich wirksam.

Kann ich als Organspender noch eine würdevolle Bestattung erhalten?

Ja, nach der Organentnahme wird der Körper des Verstorbenen sorgfältig verschlossen. Eine Aufbahrung mit offenem Sarg ist grundsätzlich möglich, auch religiöse Bestattungsriten können in vollem Umfang durchgeführt werden.

Gibt es eine Altersgrenze für Organspenden?

Nein, es gibt keine feste Altersgrenze. Entscheidend ist der biologische Zustand der Organe zum Zeitpunkt der Spende. Auch über 70-Jährige können noch Organe spenden, wenn diese gesund und funktionsfähig sind.

Wer entscheidet in Bremen über die Verteilung von Spenderorganen?

Die Vermittlung erfolgt über die internationale Organisation Eurotransplant nach einheitlichen Kriterien. Medizinische Dringlichkeit, Gewebekompatibilität, Wartezeit und die Erfolgsaussichten der Transplantation werden dabei berücksichtigt.

Können auch Menschen mit chronischen Erkrankungen Organe spenden?

Das hängt von der Art und Schwere der Erkrankung ab. Viele chronische Erkrankungen schließen eine Spende nicht generell aus. Die medizinische Beurteilung erfolgt individuell im Todesfall durch die koordinierenden Ärzte und die Deutsche Stiftung Organtransplantation.

Hanna Becker

Geschrieben von Redakteurin Gesundheit

Hanna Becker

Hanna absolvierte ein Studium der Humanbiologie mit Schwerpunkt Ernährungswissenschaften und arbeitete zunächst in der medizinischen Fachkommunikation. Bei Initium Baden analysiert sie seit 2020 evidenzbasierte Ernährungskonzepte und deren praktische Umsetzung im Alltag. Ihr Fokus liegt auf präventiven Gesundheitsstrategien jenseits kurzlebiger Diättrends.

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